DIE GESCHICHTE EINES KLEINEN FLECKENS FREIRAUM


Am 18. Januar 2014 schien ich wie aus einem langen Schlaf zu erwachen.

Mein Holz knarzte und seufzte, als ich zum ersten Mal ein- und ausatmete. 12 ganze Tage lang hatten Menschen mich aufgebaut, ihren Schweiss und ihre Energie in meine Entstehung gesteckt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, weshalb ich genau dort gelandet war, heute bin ich etwas schlauer. Über all die Jahre hinweg konnte ich nämlich vielen, vielen Menschen zuhören und lauschen, was sie zu sagen hatten. Ausserdem konnte ich den Pflanzen beim Wachsen zusehen, teilte mit ihnen den gleichen Boden und konnte die Jahreszeiten miterleben, Mal um Mal. Aber jetzt verliere ich mich in meinen nostalgischen Träumen, dabei möchte ich ordentlich von vorne meine Geschichte erzählen. Oder vielmehr die Geschichte dieses Ortes, schliesslich bin ich nur ein Teil davon ...

 

 

Hier am Centralweg stand ganz früher eine Autogarage. Nachdem der Mietvertrag gekündigt wurde und noch der ein oder andere weitere bürokratische Schritt gemacht wurde, entstand ein Brachland, auf welchem sich im März vor 11 Jahren die Stadttauben mit ihren Wohnwagen niederliessen. Dies blieb aber nur kurz ihr Zuhause, ein paar Tage später mussten sie auf städtischenn Druck hin weiterziehen. Einen Monat später begannen Quartierbewohnende die Brache zu nutzen. Picknicks und Konzerte, Spielabende und vieles mehr fand auf diesem Fleck Erde statt. Während die Stadt nach den passenden Architekt*innen suchten, welche ein Bauprojekt planen sollten, um das Brachland zu verbauen, blieb das Quartier aktiv. Die Brache wurde zum Centralpark. In den nächsten Jahren wurde dieser Ort mehr und mehr zu einem Gemeinschaftsgarten. Die grosse Fläche wurde genutzt, um Gemüse anzubauen oder Grillabende zu veranstalten.

2013 belebten Aktivist*innen der autonomen Schule denk:mal das Haus nebenan und sind seither die engste Nachbarschaft des Centralparks. Während sich die Stadt die Bürokratie um die Ohren schlägt, damit dieser lebendige Ort überbaut werden kann, beginnen die Nutzenden mit dem Projekt "Hier baut das Quartier". Im Rahmen dessen werde ich, das Böxli, gebaut. Ich glaube, am Anfang war noch nicht so ganz klar, ob ich rechtlich überhaupt hier sein darf oder nicht, aber ab einem gewissen Punkt spielte es keine Rolle mehr. Seit dem 6. Januar 2014 darf ich das rege Treiben um mich und in mir beobachten und mitfühlen. In den vergangenen Jahren lachten und spielten Kinder im Kies. Jung und alt gruben ihre Hände in die Erde und pflanzten nicht nur Gemüse, sondern liessen auch ihre Ideen und Träume wachsen und gedeihen. Musik durfte ich lauschen, welche mich berührte oder mein Holz zum Vibrieren brachte, sodass ich mir wünschte, mir würden Beine wachsen, damit ich mittanzen könnte. Was mich aber wohl am meisten faszinierte, waren all die Gespräche und Diskussionen. Von politischen Veranstaltungen über philosophisches Sinnieren gab es wohl alles. Utopien wurden in die Luft diskutiert, bis sie schon fast greifbar zu sein schienen. Menschen schütteten sich hier ihr Herz aus, sogar ein paar Tropfen Tränen befeuchteten ab und zu diese Erde ... Das gehört wohl alles zum Leben dazu. Und was ist Freiraum sonst als der Versuch, das Leben zu leben?

Auch mein Herz wurde im letzten Jahr schwerer und schwerer. Die Stadt kam schneller als erhofft mit ihrem Bauvorhaben voran. Die Besuchenden dieses Platzes wurden weniger, während dem Lockdown wurde ich eingezäunt. Und von da an wusste ich, dass es wohl nicht mehr lange geht, bis meine Zeit hier vorbei ist. Wehmütig genoss ich den letzten Sommer, versuchte all diese warmen Sonnenstrahlen in mich aufzusaugen. Ich freute mich ab den letzten Ernten, welche die Menschen einsammelten, und ab den Schmetterlingen, welche dabei um sie tanzten. Die Herbstblätter tanzten ihre wilden Tänze um mich und ich merkte, wie immer weniger Menschen zu Besuch kamen. Einigen jungen Leuten konnte ich Schutz vor dem kühlen Wind bieten, der übers Land zog.

Als dann der Winter kam, hörte ich zum ersten Mal davon, dass die Zeit des Centralparks (und so auch von mir am diesem Ort) nun bald vorbei sein würde. Ich wurde wütend und traurig, es fühlte sich an, als würde ich aufgegeben werden und niemand mehr an die schönen Utopien denken, von welchen wir doch mal träumten. Glücklicherweise verschwanden diese Gefühle mit den ersten Vögeln, welche wiederkehrten. Ich beobachtete sie und merkte, wie viel hier erreicht worden ist. Und dass ich und der Centralpark einen Raum bieten konnten, um die Samen zu pflanzen. Was nun wachsen wird ist eure Sache. Denn ich werde weiterziehen, anderen Menschen Schutz bieten und ihnen lauschen.

Auf diesem Ort hier werden nun Wohnungen gebaut, weniger teuer, als das Bauprojekt zu Beginn vorhatte, vor dem politischen Kampf, welcher hier gelebt wurde.

 

 

Dies alles wäre all die Jahre nicht möglich gewesen ohne die vielen Menschen, welche mich und den Centralpark belebten. Wie die Menschen vom "Verein läbigi Lorraine", welche sich glücklicherweise immer wieder mit der Stadt und deren Bürokratie auseinandergesetzt haben. Oder die vom Holzlabor, die mich gebaut haben, einfach so, unentgeltlich. Vermutlich könnte ich jetzt lange aufzählen, auf die Gruppen hinweisen, die regelmässig Anlässe organisiert haben und so weiter. Aber ich glaube, ihr wisst alle, wie wichtig ihr für den Erhalt dieses Kampfes wart und dass es nicht viel mehr zu sagen gibt, ausser: Danke.


Agenda

 

Du kannst in der Böxli-Agenda selber deinen Termin eintragen. Klicke auf den Kalender...

 


Ja, wir sind auch auf Facebook ....


AKTUELLES...

...im Böxli, Lagerweg 10, 3013 Bern:

 

16. Februar 2020 um 16:00 wird es eine grosse offene Sitzung geben um gemeinsam weiter zu schauen, wo unsere Möglichkeiten und unsere Motivation liegt, diesem von der Stadt geplanten Luxusbauprojekt etwas entgegen zu setzen und den Freiraum Böxli und Centralpark zu erhalten.
Wir sehen uns im Sääli der Brasserie Lorraine!


Vergangene Veranstaltungen findet ihr hier


Lassen wir die Quartiere doch den Yuppies....

 

 

Warum auch nicht, schliesslich bauen sie neuer, grösser und schöner als diese alten, verlotterten Arbeiter*innenhäuser.
Sie bepflanzen die Gärten mit sauberem Rasen, rund geschnittenen Büschen und nicht zu grossen Bäumen, schliesslich will mensch ja noch etwas Sonne abbekommen. Begegnungszonen werden geschafft und die Kinder können in ihren weissen Turnschuhen auf den geputzten Strassen spielen ohne schmutzig zu werden.

 

Farbe an den Wänden wird glücklicherweise immer sofort weggeputzt damit die grauen Fassaden in vollem Glanz erstrahlen können.
Dort wo früher der kleine Quartierladen stand, wächst heute die neue Migros-Filiale in den Himmel und versorgt alle mit allem was sie brauchen.
Statt der schmuddeligen Brockenstube kann mensch jetzt die neusten Designermöbel im Vintage-Laden erwerben und sie sich nur über die Strasse in die Wohnung tragen lassen

 

 

 

 

 

Wenn du diesen Text jetzt ziemlich nervig fandst zum Lesen und schon fast ein bitzeli wütend wurdest, möchte ich dich auf etwas hinweisen, was jetzt gerade passiert:

 

 

 

 

 

Vielleicht kennst du ja das Böxli und den umliegenden Centralpark in der Lorraine...

 

Auf 21 Quadratmeter gibt es einen kleinen aber herzlichen/kämpferischen Freiraum zugänglich für das Quartier aber auch anderen interessierten Menschen. Zahlreiche Diskussionen, Sitzungen, Filmabende, Feste, Vorträge und Spielnachmittage fanden bisher im Böxli und auf dem Centralpark statt.

 


Dort kämpfen Menschen seit dem Sommer 2013 gegen ein städtisches Luxuswohnbauprojekt;
Im September 2013 wurde eine Petition eingereicht mit dem Titel «Kein Luxuswohnraum in der Lorraine – Das städtische Bauprojekt am Centralweg muss gestoppt werden!». Aufgrund der Proteste aus dem Quartier, eines neuen Parlaments­entscheids und einer Beschwerde war die Situation längere Zeit blockiert. 2017 gab es dann den nächsten Schritt in Richtung Luxuswohnungen; Das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland hat mitgeteilt, dass die Stadt Bern die geplanten Wohnungen realisieren darf. Das Bauprojekt umfasst dreizehn Wohnungen 3,5 bis 5,5 Zimmer. Dafür würde in Zukunft zwischen 2'500 und 3'300 Miete gezahlt werden. Die Stadt nennt das Projekt dank seiner luxuriösen ovalen Balkone liebevoll Baumzimmer.

 

 

 

Momentan läuft ein Nutzungsvertrag bis im Herbst 2020. Bis Mitte 2021 muss die Stadt mit dem Bau beginnen, da sonst die Genehmigung ausläuft. Von dem her ist ziemlich sicher, dass der Bau zwischen Herbst 2020 und Mitte 2021 beginnt. Auf rechtlicher Eben wurde alles versucht. Was wir machen können, ist diesem Ort wieder Leben einhauchen und ihn dem Quartier zurückgeben, bevor es zu spät ist und die Bagger kommen.  

 


Wir, die kein Bock auf Yuppies im Quartier haben, Luxuswohnung an Luxuswohnung und alle Formen der Gentrifizierung, müssen uns wehren. Lasst uns diesen Platz mit Ideen säen, ihn wachsen lassen und wiederbeleben!

 

 

 

16. Februar um 16:00 wird es eine grosse offene Sitzung geben um gemeinsam weiter zu schauen, wo unsere Möglichkeiten und unsere Motivation liegt, diesem Luxusbauprojekt etwas entgegen zu setzen und diesen Freiraum zu erhalten.
Wir sehen uns im Sääli der Brasserie Lorraine!

 

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Zentralpark für alle!

Das Böxli steht für verschiedenste nichtkommerzielle und nichtreligiöse Nutzungen zur Verfügung, sei es für private Geburtstagsfestli, öffentliche Veranstaltungen oder Filmabende, halböffentliche Spielabende, Sitzungen usw.

Im Böxli hat es einen grossen Tisch und ein paar Stühle. Für grössere Anlässe gibt's einen grossen Tisch und Bänke im Container neben dem Böxli.

Vier grosse Solarpanels auf dem Dach und die Solarbox mit den Akkus liefern den Strom, und es hat auch Wasser im Zentralparkgarten.

Für einen kleinen Unkostenbeitrag und unter Rücksichtnahme auf die Nachbar*innen kannst du das Böxli nutzen. Trage dich in die Agenda ein oder schreib uns ein E-Mail, damit wir den Termin reservieren können.

SO HAT ALLES ANGEFANGEN:




Hier baut das Quartier heisst:

QuartierbewohnerInnen entwickeln gemeinsam ein Alternativprojekt zu geplanten städtischen Luxuswohnungen. Die Stadt ist unser Lebensraum – das Quartier sind wir, hier bauen wir!

Quartiertreff Böxli, Lagerweg 10, 3013 Bern

boexli(at)lorraine.ch